(Quelle: Twitpic-Upload)
Die Ereignisse gestern Nachmittag haben überall die Gesprächsthemen bestimmt. Twitter. Facebook. CNN. Spiegel Online. Die Kneipe.
Die Polizei hat inzwischen die Zahl der Toten auf 19 beziffert. Um weitere Leben wird anscheinend noch gerungen.
Eine Bundespolizistin sagt SPIEGEL ONLINE am Samstagabend, nach den Stürzen sei in dem Tunnel eine heftige Panik ausgebrochen. Die Raver seien schon vorher hoch aggressiv gewesen und hätten sich untereinander Schlägereien geliefert. “Als dann noch Menschen die Treppe herunterfielen und teilweise andere mitrissen, war nur noch Chaos.”
Angst, Entsetzen, rücksichtsloses Rennen, Schubsen, Drängeln. “Die waren nicht mehr zu bändigen”, so die Beamtin. Rettungskräfte und Polizisten hätten lange gebraucht, um sich überhaupt zur Unglücksstelle durchzukämpfen. “Es war die Hölle.”
Langsam kommen so die ersten Blogartikel online, die die Fragen stellen, zu denen sich WDR und Spiegel Online und alle anderen Medien noch nicht hinreißen können, lieber stellt die BILD Fotos der Leichen online – en Masse. Die Ruhrbarone haben ihren Beitrag schon recht früh und doch sehr ausführlich online gestellt.
Am Freitag habe ich gefragt, wie viele Menschen auf den Platz passen. Der Sprecher der Stadt wollte es nicht sagen. Er meinte, das sei geheim. Er wolle und dürfe das nicht sagen. Ich habe in der Verordnung nachgesehen, die regelt, wie viele Menschen bei öffentlichen Veranstaltungen auf Plätzen zugelassen sind. Daraus ergab sich, dass auf den Platz maximal 500.000 Menschen durften. Zwei Menschen je Quadratmeter. Heute heißt es, 800.000 seien drauf gewesen. Fast doppelt so viele wie erlaubt.
Der gesamte Beitrag stellt die Fragen, wer eigentlich verantwortlich für dieses Desaster ist. Die angebotene Lösung: die Behörden der Stadt. Vielleicht etwas zu einfach gefasst, aber mit guten Argumenten für eine Teilschuld. Zur Zeit werden die Verantwortlichkeiten hin und her geschoben. Die Stadt sagt: der Veranstalter. Der Veranstalter sagt: wir nicht, auf dem Gelände war ja alles in Ordnung, fragt doch mal die Stadt. Die Leute vom Notfallplan sagen: danach hat alles funktioniert, wir waren schnell und tun unser möglichstes. Der “Katastrophenexperte” hat zwar mit einer Bombe das Szenario durchgespielt, aber die Idee der Massenpanik lag ihm irgendwie fern.
Auch der Panikforscher Michael Schreckenberg verteidigte das Sicherheitskonzept, an dem er selbst beteiligt war. Der Tunnel sei groß genug ausgelegt gewesen, sagte er im WDR. Seinen Aussagen zufolge wurden vor der Veranstaltung viele mögliche Notfälle durchgespielt. “Es gibt aber immer Menschen, die sich nicht an die Spielregeln halten”, fügte er hinzu.
Dass die Menschen sich nicht an die Spielregeln war abzusehen und es wäre seine Aufgabe gewesen, auch dieses Szenario durchzuspielen. Und dann, dann ist da noch die Polizei. Ich habe kurz nach den ersten Twitternachrichten so um 17.15-17.30 WDR im Fernsehen angemacht, die live berichtet haben. Ein Augenzeuge berichtete da von der Polizei, die er, als die Panik schon im Gange war, informiert hatte und um Hilfe gebeten hatte. Sie haben abgelehnt mit den Worten “Willst du das hier organisieren, oder was?” – das spricht für menschliche und fachliche Inkompetenz. Und schlimmstenfalls kriminelle Ignoranz. Nochmal die Ruhrbarone:
Diese Polizei hatte schon bewiesen, dass sie nicht in der Lage ist kritische Großveranstaltungen zu meistern. Diese Polizei hat eine Mitverantwortung für das Desaster bei der Love-Parade. Sie hätte wissen müssen, dass sie das Monster nicht beherrschen kann. Sie hätte die Parade absagen müssen – aus Sicherheitsgründen.
Konkret fragt man sich, warum das Tunnelareal nicht durch mehr Beamte gesichert war, warum keine Einsatzfahrzeuge vor Ort waren, die den Strom etwas brechen konnten.
Auf Twitter wird die Frage nach dem zeitlichen Zusammenhang der Videos gestellt. Wie man auf die Idee kommen kann, die Tunnel am Ausgang mit einer Reihe Beamten abzusperren ist mir nicht ganz klar. Tausende, z.T. alkoholisiere, verdrogte Menschen in einem dunklen Tunnel einzupferchen erscheint mir als verdammt dumme, tödliche Idee. Dr. Motte auf seinem Blog:
das gelände abzusperren war ein fehler. die loveparade war immer offen für alle in berlin, mit rückzugsmöglichkeiten in den tiergarten… wir hatten immer sani’s ohne ende wasser. ein einziger zugang durch einen tunnel birgt die katastrophe in sich. ich bin sehr traurig…
Sara hat einen intensiven Text geschrieben, wie das Gefühl da unten gewesen sein könnte. Ich bekomme immer wieder einen Kloß im Hals, wenn ich drüberlese. Eine ganz wichtige Stelle, die mich die halbe Nacht nicht losgelassen hat und warum ich jetzt auch schon wach bin:
das hättest du sein können, auf dem letzten Rave — Raves, die völlig unorganisiert und unkontrolliert sind. Das hätte die brennende Eisfabrik sein können. Wir sind so verantwortungslos in allem, und dann traf es diejenigen, die der Verantwortung und der Gewissenhaftigkeit vertrauten–
Die Eisfabrik. Das Friedrichshain liebt dich. Ich denke an die ganzen Leute, die mir erzählen wollte, was für eine Pussy ich bin, weil ich Sanitäter auf dem Gelände vor zwei Wochen gefordert habe und Security. Es gibt unterschiedliche Raves. Es gibt die kleinen, wo einige Leute auf E oder LSD rumhüpfen, vielleicht noch auf Speed. Weniger Alkohol, höhere Bildungsschicht, Hedonismus als Lebenseinstellung. Da ist wenig Konfliktpotential, da ist vor allem feiern. Hier reichen wenige Vorkehrungen um ein entspanntes Miteinander zelebrieren zu können.
Und dann sind da die großen Raves, die Massenraves. Die Loveparade war schon lange so ein Massenrave, schon in Berlin. Auch das “Friedrichshain Liebt Dich” war ein (relativer) Massenrave. Diese Art von Rave zeichnet sich aus durch das kommerzielle Interesse der Betreiber – wo (in welcher Form auch immer, auch langfristig) Gewinn gemacht wird, wird auch gespart um den Gewinn zu maximieren. Und er zeichnet sich aus durch die Besucher, die sich in ihrer Zusammensetzung ändern. Da sind andere Ansprüche. Speed, Koks, aufputschende, aggressiv machende Drogen. Viel Alkohol, viel zu viel. Menschen mit sozialen Problemen, mit sozialem Frust. Für die Berliner: der Unterschied zwischen dem Jeton und der Renate. Für alle anderen: der Unterschied zwischen der BILD und der taz. Konfliktpotential: hoch. Das Fatale am Phänomen Massenrave: mit zunehmender Kommerzialisierung, mit zunehmenden Massen sinkt das Verantwortungsgefühl der Betreiber zugunsten der Profitrate. Und das Verantwortungsgefühl der Einzelnen in der Masse sinkt eh proportional zu ihrer Größe.
Die Leute aus der Gegend sagen: man hat das schon in Dortmund gesehen, da ist es nur um Haaresbreite nicht schief gegangen. Und Bochum: die hatten den Mut, das Ganze abzusagen. Einfach, weil die Sicherheit nicht gewährleistet werden konnte. Die Loveparade war schon in Berlin tot. Aber im Ruhrpott hat sie jetzt Tote gefordert.
UPDATE:
Ergebnisse der Pressekonferenz
- Größe des betretbaren Bereiches: 240.000 qm
- Bestätigte Menge: 105.000 Menschen (was nie im Leben stimmen kann und wohl nur Verschleierungstatktik ist)
- Tunnellänge war 120m mit Unterbrechungen
- Staatsanwaltschaft hat Ermittelungen aufgenommen, Durchsuchungen im Duisburger Rathaus
- Kein Kommentar zu Warnungen vor der Veranstaltung
- Die Polizei weißt alle Schuld von sich, will aber entgegenstehende Fakten nicht kommentieren
- Gerüchte über Schusswaffengebrauch & Androhung des Schusswaffengebrauchs werden dementiert
- allgemein werden viele Faktenäußerungen abgelehnt mit dem Bezug auf laufende Ermittelungen
- Bochum kritisiert Duisburg, Polizeipräsident in Bochum hat anscheinend Strafanzeige gestellt – außerdem ein Feuerwehrmann, der vor dieser Stelle gewarnt hat
- WDR-Moderator kommentiert mit “hilfloser, so noch nie erlebter” Pressekonferenz, Verantwortungslosigkeit auf Seiten der Sicherheitskräfte
- Die Loveparade wird nicht mehr stattfinden (Entscheidung des Veranstalters)
Auch Spiegel Online hat erste Auswertungen online. Besonders gruselig: selbst die (sehr rechte) Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG) teilt meine Einschätzung, dass hier materielle Interessen hineingespielt haben. Genauso Dr. Motte in einem B.Z. Interview. Und dann kommt im Artikel der Hammer.
Das endgültige Sicherheitskonzept hat der Duisburger Panikforscher Michael Schreckenberg mitverantwortet. Er verteidigte im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE die Planung. Der Tunnel, in dem es zur Massenpanik gekommen war, sei groß genug ausgelegt gewesen, sagte der Professor für Physik von Transport und Verkehr, der mit seinem Kollegen Kai Nagel als einer der Pioniere der Stauforschung gilt. Mit stürzenden Menschen hätten die Organisatoren nicht rechnen können: “Das ist das Werk von Einzelnen.” So etwas könne man nicht vorhersehen. “Das ist ein tragisches Unglück, dagegen kann man sich bei einer Masse nicht wappnen.”
WTF? Stürzende Menschen seien nicht eingerechnet gewesen? Mal sehen, ob man diesen Menschen strafrechtlich für seine Planung belangen kann. Ansonsten stützen auch viele Sicherheitskreise die Analyse der oben erwähnten Ruhrbarone, dass die Behörden der Stadt um des Prestiges willen die Veranstaltung genehmigt haben und dabei äußert schlampig vorgegangen seien und die Veranstaltung quasi durchgeboxt haben. Die Polizei hat übrigens nur mit 500.000 Besuchern gerechnet.
UPDATE #2:
Die taz ausführlich zu den Warnungen, die schon Wochen und Tage im Vorfeld liefen.
Und außerdem sind neue Videos auf YouTube zu finden, die die Situation an den Treppen von denen die Leute gefallen sein sollen darstellt. YouTube sperrt die Videos gerade sehr schnell, also wenn sie nicht mehr gehen ist es nicht meine Schuld. Auf jeden Fall wiederlegt es augenscheinlich die Version der Polizei, dass es gar keine richtige Massenpanik war (wurde m.W.n. auf der Pressekonferenz behauptet). Ich finde gerade im zweiten sieht man sehr gut, wie extrem die Situation gewesen sein muss.
Außerdem habe ich oben noch das eine Video ersetzt, weil es von dem User gelöscht wurde.
Ich frage mich auch, wieso man dann (wohl, wenn ich das richtig sehe) nicht wenigstens den Tunnel abgeteilt hat. Dass es nicht gut ist, wenn Menschenmassen in zweierlei Richtungen aufeinanderprallen, das muss sich doch vorher aufdrängen.
Und ich kann die Panik durchaus verstehen. Mir hats schon auf dem diesjährigen Karneval der Kulturen gereicht, als plötzlich nur noch eine Ein-Mann-Gasse direkt an den Fressbuden frei war und man weder rechts noch links raus konnte. Aber das war wenigstens nüchtern und auf einer breiten Straße unter freiem Himmel.
Die Frage kam auch gerade bei einer Pressekonferenz, zumal der Krisenstab auf einer Pressekonferenz am Dienstag zugesichert habe, dass gerade dieser Tunnel in der Mitte getrennt werden sollte, um den Zu- und Abfluss zu regulieren. Ansonsten: siehe Update!
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Ich habe gerade die Pressekonferenz der “Verwantwortlichen” im WDR gesehen. Leider war dies auch ein seltener Anblick. Jeder der vier Herren schob Verantwortung von sich, war aber im Vorfeld und auch während der gestrigen Veranstaltung “Verwantwortlicher”. Soviel Hilflosigkeit von den Menschen die das Event geplant haben, die “Sicherheitskonzepte” aufgestellt haben, die Erfahrungen haben mit Veranstaltungen solcher Art und Größe. Mich macht der Vorfall der Loveparade betroffen, ich hätte selbst da sein können oder Verwandte,Freunde. Ich finde es unglaublich, dass es im Vorfeld Warnungen gegeben hat und diese heute von allen Beteiligten vehement bestritten werden. Es wird sich versteckt hinter den laufenden Ermittlungen, was juristisch für die Betroffenen selbst wahrscheinlich das Beste ist, aber für diejenigen für die es um mehr geht als den Job, eben nicht.
Mir stellt sich nicht nur die Frage nach den Verantwortlichen, sondern auch die Frage: Kann man noch auf Veranstaltungen gehen? Kann man den Sicherheitskonzepten trauen?
Ich glaube man muss kein großer Sicherheitsfachmann sein, um die Problematiken zu erkennen.
Im Gegensatz zu Berlin, Dortmund und Essen ist der Platz zur Seite hin begrentzt worden. Es gab nach außen weniger (bis gar keine) Ein- und vor allem Ausgänge. Das war ja bereits vorher deutlich.
Ich würde deine Frage deswegen mit einem Jein beantworten. Ich würde niemals eine Massenveranstaltung besuchen, die räumlich derart begrenzt ist wie sie es gestern war.
Wenn man dann im Vergleich die A40 Aktion von vor einer Woche nimmt. Über 3 Millionen Menschen auf der Autobahn im Ruhrgebiet und keine Verletzten oder gar Toten (zumindest offiziell), dann wird meine These untermauert.
Generell bin ich persönlich aber auch kein Freund von solchen Massenaufläufen.
Ich habe in Berlin einmal die Loveparade “mitgemacht”. Da konnte man immernoch ausweichen. Generell bin ich kein Freund von solchen Veranstaltungen, große Menschenmengen sorgen für Unwohlsein bei mir.
Aber die Frage nach dem “Wer ist daran schuld?” muss geklärt werden. Leider hatte ich bei der Pressekonferenz eher das gefühl dass da jeder seinen eigenen Hintern retten will, statt wirklich ehrlich zu antworten. Schade dass es bei den vier Leuten “nur” um den Job geht und nicht, wie für 19 Menschen, um das Leben. Dann hätten wir schon längst Antworten.
ich möchte nich für diese sehr gute post bedanken…ich teile sehr viele deiner meinungen zu den traurigen geschehnissen des gestrigen tages.
‘mit stürzenden menschen hätte man nicht gerechnet’ – ist eine aussage, die dieses disaster krönt! ich komme selbst aus der veranstaltungsbranche und wer einige zeit mit club- und electro-/techno-veranstaltungen befasst. wer in dieser szene erfahrungen gesammelt hat, weiss dass menschen unter drogen oder alkoholeinfluss leider auf alle möglichen schreckensideen kommen auf ein abgesperrtes veranstaltungsgelände oder ähnliches zu gelangen.
da wo eine treppe steht – abgesperrt oder nicht – ist schneller einer drauf als man gucken kann. also muss man dem entsprechende vorkehrungen vorsehen. wurde in diesem falle wohl leider nicht getan.
diese treppe stellt aber nur einen der fragwürdigen punkte für mich dar…
den fall der schuld werde ich mit großer aufmerksamkeit weiter verfolgen. auf ‘einzlene’ kann man das versagen von veranstaltern, sicherheitskräften, polizei oder stadt nicht so einfach abwälzen. in der haut der verantwortlichen möchte ich wirklich nicht stecken – aber das haben sie sich wohl selbst eingeprockt.
ich bin wirklich traurig und erschüttert!
auch wenn ich nie ein fan der loveparade war ist es schade, das wegen solch fahrlässiger planung eine fast geschichtsträchtige veranstaltung ein solch tragisches ende finden muss.
nun ist sie geschichte.