(Foto von sEbo)
Wer gestern auf der Hauptstraße, einer großen langen Straße zwischen Ostkreuz und Köpenick unterwegs war, traute seinen Augen kaum. Wo sonst nur müde Kraftwerksmitarbeiter ihrer Wege gehen und die Straße ansonsten komplett leer ist, liefen unzählige Menschen. Aber als Berliner zwischen 15 und 30 mit Facebook-Zugang hat man eh mitbekommen worum es geht: 9000 Einladungen waren draußen für das “F-Hain <3 dich”-OpenAir. Wo man sich schon in Szene-Kanälen auf ein interessantes LineUp gefreut hat, hat sich die große Masse erst recht für Umsonst & Draußen begeistern können.
Ich bin so gegen 1 Uhr hingefahren und fand die Veranstaltung symptomatisch für diese ganze Facebook-Problematik. Von Atzenpartyprolls bis szeneliebenden Minderjährigen war alles dabei, und zwar in einer Menge, die definitiv nicht mehr gesund war. Auf dem Gelände waren so um die 1000-2000 Leute, und die gleiche Menge nochmal drumherum bzw. auf dem Weg dahin. War sicher am frühen Abend anders, und bestimmt auch den Sonntag über. Aber als wir angekommen sind war es zuviel. Die Grundstimmung war recht aggressiv, Gerüchte über Neonazigruppen gingen rum und auch eine gewisse Verantwortungslosigkeit blieb bei der Masse an Leuten nicht aus. Kippen ab in den Rasen, ob die Location abfackelt ist ja bekannterweise egal. Ich habe mich auch nicht wirklich sicher gefühlt, bei der Menge an Leuten hätte der Veranstalter Kontakt zum Rettungsdienst aufnehmen müssen, die dann in der Nähe hätten stehen müssen. Im allgemeinen bin ich überrascht, dass die Polizei die ganze Sache nicht zu dem Zeitpunkt aufgelöst hat, vor Ort war sie ja – ich glaube kaum, dass die normalen Veranstaltungsauflagen eingehalten wurden. Grundsätzlich positiv zu bewerten, dass sich der Staat nicht einmischt (auch wenn viele Zivilcops auf dem Gelände waren), aber hier doch sehr seltsam. Hmm, wer weiß, vielleicht hatten die Veranstalter auch Security auf dem Gelände, die aber einfach nicht zu sehen waren?
Was mir auch aufgestoßen ist: eine Taxischlange vor dem Gelände, wie man sie sonst vor dem Weekend oder Berghain sieht. Ey, auf nem Rave? … Sorry, aber dit sind nicht meine Leute. Genauso diesen Shuttle-Bus-Service, den ich irgendwo gesehen habe. Absolut freakig. Letzteres wurde bestimmt schön durch die 4€-ClubMate finanziert. Auch das: absolut freakig.
Wofür man eine Lanze brechen muss ist das angenehme LineUp und der fette Sound. Das wars aber auch. Ansonsten gabs halt so typische OpenAir-Probleme: überall Müll und Flaschen (bei der Größe dann auch ein dickes Problem!), wenig Licht (Deko war Nähe Tanzfläche ganz nett, aber man hätte gerade aufm Weg mehr machen können).
Kommen wir mal zu einer Analyse/Kritik:
- Fakt ist, die Rummelsburger Gegend bietet viele geile Locations, die in letzter Zeit immer mehr genutzt werden, von diversen Veranstaltern und nicht nur für Raves. Aber die Gegend wird sich wieder schnell verbrennen, man liest ja schon von Vergleichen zwischen dem “Revaler Technostrich” und dem “Rummelsburger Technostrich”.
- Die Veranstaltungspopularität wurde entweder schlecht im Auge behalten oder die Veranstalter haben drauf geschissen. Es waren einfach zuviele Leute.
- Ja, Raves sind Mainstream. Nicht erst seit gestern, vielleicht nicht mal seit Kalkbrenner. Aber das OpenAir hatte eine symptomatische Qualität. Ich kann mich nur wiederholen und die Forderungen aus dem Eisfabrikartikel wiederholen: abschotten. Facebook rauslassen. Sich mit weniger Leuten freuen. Prolls, Yuppies … sorry, aber das hat nichts mit dem Anspruch von Raves zu tun. Und ja, es gibt einen, auch wenn er für viele wahrscheinlich nur verwaschen wahrnehmbar ist.
- Und wenns dann doch ausm Ruder läuft: reagieren. Arztstation aufbauen, Kontakt zum Rettungsdienst aufnehmen. Will nicht wissen, was passiert wäre, wenn der Rave in der Hitze der letzten Woche veranstaltet worden wäre. Und wieviel Kids mit einer unbehandelten Alkoholvergiftung gerade zuhause liegen.
- Genauso: Security – wenn ich ein solches Publikum habe, muss ich Freunde bitten, als Ansprechpartner für alkohlbedingte Übergriffe zu fungieren, Leute, die auch mal dazwischen gehen können. Und auch welche für sexistische Übergriffe, das wirds wohl en Masse gegeben haben. Man muss nicht, wie das andere OpenAir um die Ecke sich komplett abschotten und Taschenkontrollen haben, aber einfach mal bei so einer Masse 50 Leute aufm Gelände haben, die auch klar erkennbar als Ansprechpartner zu Verfügung stehen. Sonst liefert man den Cops nur Munition, und auch der Justiz, wenn was passiert. So könnte man wenigstens sagen: man hat sich bemüht.
- Interessant sind die Reaktionen im Netz. Die Facebook-Veranstaltung wird größtenteils wohlwollend kommentiert mit nur vereinzelt kritischen Stimmen. Sehr viele finden es einfach nur “geil” und “super”. In den geschlossenen Kanälen ist schon recht früh, so ab 23 Uhr, Kritik zu finden, die sich nur ausweitet und ganz allgemeine Ablehnung erkennen lässt.
Insgesamt hatte ich wohl mit dem Eisfabrik-Artikel recht. Facebook ist ein No-Go. Viel zu öffentlich, viel zu unkontrollierbar – aber so sieht dieser Sommer aus. Aber das war nicht nur Facebook, wenn man mal die Veranstaltung googelt kommt da noch viel mehr ans Tageslicht. War wohl bei vielen Portalen eingetragen, als Veranstalter gibt sich Trendwende Berlin und Simplyme Original.
Impressionen:
Ich werde auch mal die Medienentwicklung beachten, Polizeimeldungen sind noch nicht raus und in den Tageszeitungen habe ich auch noch nichts gefunden, aber bestimmt kommt da mit der Montagsausgabe einiges rum. Dazu noch ein seperater Post.
Es war noch nicht DER große Knall, mal wieder scheint’s gerade wieder so die Kurve bekommen zu haben. Aber trotzdem eine erneute Mahnung: es muss was passieren. Lasst uns Gegenstrategien entwickeln. Wieder abschotten, alles kleiner halten. Los. Jetzt. Hier!
Diese Facebook-Sache ist mir auch zunehmends aufgefallen. Ich liebe diese kleinen Raves – 100 Leute, 200 Leute maximal und dann ist gut – die relativ spontan statt finden. Scheisse ,von mir aus brauche ich keine große Line Up, nur ein bisschen Sonne, chillige Menschen die nicht fetten Rudelbums machen wollen sondern entspannt, günstig und in der Sonne Spaß haben möchten.
Facebook ist für VIELE Dinge einfach genial, gerade, wo es um wirtschaftliche Zwecke geht (bestes Beispiel: der Nowkoelln Flowmarkt, Ausstellungen, die man sonst niemals finden würde, manchmal sogar auch größere Veranstaltungen, die im ganzen Berliner Angebot untergehen).
Das Problem bei einem über Facebook angekündigten Rave ist eben der große Streuverlust. Klar wird die kritische Masse erreicht, und das ist auch cool, aber eben wie du auch schon ganz richtig beschreibst auch Menschen, die halt aus allen möglichen (un-ravigen, sozusagen) Hintergründen da aufkreuzen. Eine relativ homogene Party wird damit zum Volksfest, und da braucht man – auch richtig erkannt – eben Polizei, Krankenwagen und zumindest jemanden, der halb verantwortlich ist (das Müllproblem wäre da wohl ausschlaggebend).
Ja, und dann kann man abschließend auch nur sagen: this is why we can’t have nice things. Weil große Sachen dazu führen, dass Gesetze strikter werden und Kontrollen eingeführt. Klar entstehen dann an anderen Stellen wieder kleinere Sachen, aber ich befürchte, dass es dann eventuell zu spät sein könnte (wobei, wenn die betroffenen Leute schnell verstehen, dass ihre Events leider ein bisschen außer Rand und Band geraten und die Reißleine ziehen, können wir uns vielleicht doch wieder ganzheitlich an diesen schnuckeligen tollen Draußenaktivitäten unsere Tanzgemeinschaft erfreuen
Danke für deinen Beitrag, einfach Klasse auf den Punkt.
de facto wärst du der veranstalter, den berlin brauch?
viel erfolg!
Definitiv wäre ich das nicht. Aber das behaupte ich auch nicht. Trotzdem kann man ja seine Meinung dazu haben
Ich bin mit einem der Veranstalter bekannt und habe im Vorfeld eine Zusammenarbeit abgelehnt. Diese unverantwortliche Scheiße die da abgegangen ist spottet jeder Beschreibung.
Ich selbst habe das Desaster verlassen als wieder eines der zahlreiche Gebäude aufgebrochen wurde und Fensterscheiben zu Bruch gingen.
Die Veranstalter können von Glück reden dass niemand körperlich zu Schaden gekommen ist. Sowas kann schnell Haftstrafen bedeuten.
Fazit: absoluter Tiefpunkt in Berlins Partysommer.
Wenn Friedrichshain mich liebt werde ich lieber von Pankow gehasst.
Probs… cooler Kommentar… wenn Friedrichshain mich liebt werde ich lieber von München gehasst (und glaub mir das schmerzt, dass zu sagen!)
Schade, dass das Renate anscheinend nicht so ein Erfolg war?!
ich fand diese Veranstalung ebenfalls absolut furchtbar…
Ich war zwischen 20 Uhr und 3Uhr nachts da.
Dabei muss ich leider auch deine positiven Kommenatare negativ untermalen:
1. es war zwar eine Funktion One ABER der Sound war viel zu hell und hätte mehr Bass vertragen!
2. die Boxen sind mehrmals ausgefallen und wurden durch lautes Plocken wieder in Gang gebracht. (genial für deine Ohren…)
3.die Musik in dem Zeitraum war leider auch mehr als zweifelhaft (Geschmachkssache)
Dazu kommt:
1. die Organisation war grottenschlecht! Die Bar war eine reine Katastrophe (kann aber durchaus passieren, dass diese schlecht zu organisieren ist)
2. mein Hauptkritikpunkt waren auch die Leute , da waren ganz schlimme Kaliber am Start, Leute mit denen man ungerne was unternimmt und die ich auch nicht treffen will (da komm ich zu:)
3. da lobe ich die Selektion des Berghains…. und Türsteher, die gründlich kontrollieren… Zumndest ein bißchen davon hätte von Punkt 3 nicht geschadet!
Also ich kann leider die Kritik nur unterstützen, so schwer war es außerdem noch nie mal gute Fotos zu bekommen. Einige male musste ich sogar fast um meine Ausrüstung kämpfen (wenn man da nicht Leute kennen würde). Das kann nicht so weiter gehen….wieder hin zu klein und gesellig…BITTE!
Aber dennoch werde ich weiter versuchen Fotos zu machen wo ich kann, schreibt mir wenn ihr von kleinen Raves, OpenAirs usw. hört und wisst….
Gruß
sEbo
Klingt nach nem rießigen Chaos. Aber is ja klar, dass der Staat genau dann nicht eingreift, wenn man es will
Gruß,
Roberto – http://provenremedy.wordpress.com/
ich bin ja dafür, sowas ausschliesslich facebookern zu überlassen. die wären dann so schön unter sich.
mich wundert das bloss warum sich die leute die zu sowas dann hingehen enttäuscht zeigen – sie haben null aufwand betrieben, eine perle aufzutun. sie haben wie die lemminge ein angebot angenommen. ich bin damals so oft mit leuten unterwegs gewesen, die heutzutage passable geocacher abgeben würden – weils eben so verdammt tricky war die party zu finden. die bequeme alternative wären sicherlich irgendwelche bars oder diskotheken gewesen – aber die schieden aus – wegen der schlechten musik. also musste man sich mühe geben für ne gute abfahrt. ich denke das hat nach wie vor bestand.
und – ich fahr da jeden tag mir dem rad lang – zumindest für die zentnerweise glasscherben sollte man den veranstalter die bsr-knufferei in rechnung stellen. geschlitzte reifen gabs wahrscheinlich auch ein paar.
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Ey Sebo, genau weil leute wie du alles festhalten müssen entstehen diese Hypes so schnell, ohne die ganzen Videos die sich jeder im Netz anschauen und sharen kann und die der Veranstalter auch noch für seine Promo nutzt würde das zumindest langsamer und gesünder Wwachsen ” in Berlin…
Leider ist das alles sehr unreflecktiert grade in Berlin und vor allem auch von den ganzen Szene Djs denkt niemand weiter als von der Wand bis zur Tapete und spielt da auch immer überall…
Ich glaube es liegt weniger an den Fotografien & Videos, die drumherumschwirren. Das kannste eh nicht unterbinden und genauso schwirren, spätestens jetzt, negative Kommentare zur Veranstaltung rum. Insofern gleicht sich das alles aus. Viel weniger schnell und ungesund würde es wachsen, wenn die Veranstalter beginnen, sich mal an einige Spielregeln menschlichen Verstandes zu halten. Und dazu gehört u.a. die Sachen nicht bei Facebook und tausenden Veranstaltungsportalen zu posten, sondern sich auf eine Plattform zu beschränken, die eh schon multiplizierend wirkt (was das in Berlin ist, ist wohl klar)
@hans: Na da bin ich mir aber mal sicher das es nicht so ist. A) zeig mir welcher Veranstalter Bilder von mir nutzt, na? B) “alles festhalten” das wäre ziemlich dumm, es geht um Eindrücke und nicht um alles…. C) Leute…L nicht l
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Ich muss da einfach sagen, wenn Leute kommen die sagen wir mal “da falsch sind”, dann liegt das an der Werbung und dem Verbreiten davor nicht danach
Zu den DJs, naja wenn ich mein Leben damit finanzieren muss oder will, dann muss ich leider auch mal was machen was nicht 100% meins ist. Denke das sollte man jetzt nicht so übertrieben sehen…..
die facebookseite ist inzwischen off.
gibt es noch etas zum nachreichen?
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