Donnerstag Abend, für die Schüler sind noch Ferien, Studenten haben eh erst um 11 Vorlesung (wenn überhaupt) und man geht raus und feiert. Berlin reizt ja immer wieder mit Raves, die eine temporäre Besetzung von alten Gebäuden und öffentlichem Raum beinhaltet. Früher war das halt einfach so, ein cooles Team hat seine Technik zu irgendeinem Ort gekarrt, eine alte Fabrik, eine Wiese, irgendwo halt, und hat dann für eine Gruppe von gutgelaunten Menschen die Party geschmissen.
Man hatte Feuerlöscher dabei, man hat kein Eintritt gefordert und man hatte die Gäste auch einigermaßen unter Kontrolle. Jeder konnte mitbringen was er wollte, Security-Kräfte für eine illegale Party gab’s nicht, jedenfalls nicht im “Türsteher”-Sinne.
Das hat sich im letzten Jahr geändert. Schon 2009 gab es erste Open-Air-Raves, bei denen ich auf Getränke kontrolliert wurde. Es gab Partys in alten Kellern von baufälligen Gebäuden, bei denen Eintritt genommen wurde (als ob Getränkeumsätze nicht für die Refinanzierung reichen würden). Und gestern haben dieses Prinzip ein paar Jugendliche zur Spitze getrieben mit ihrer “Tanzeuphorie an der Spree” in der alten Eisfabrik in Berlin-Mitte. Auf einem “illegalen Rave” gab es Türsteher, Getränkeverbot und Eintrittspreis (3€). Die Technik hatte zum Start-Zeitpunkt nicht funktioniert. Und zu guter Letzt ist dem Gebäude, in dem die Party stattfand, der Dachstuhl weggebrannt. In einem Großfeuer, das leicht hätte Verletzte fordern können. Es gab keine Verletzten. Zum Glück.
Berichtet haben dann heute viele große Medien, u.a. Sat1, RTL (Punkt 12) und die B.Z. und Morgenpost, weitere Printerzeugnisse werden sicherlich folgen.
Erstmal sei analysiert, was diese Party in ihrem Ausgang so symptomatisch für die Probleme, die die Berliner Raveszene treffen können, macht:
- Die Veranstalter waren sehr jung. Die Polizeimeldung spricht von 19 – 22-jährigen. Das ist ungefähr mein Alter, trotzdem nehme ich mir raus zu sagen: Das ist zu jung, um so ein Event ordentlich zu schmeißen, es fehlt an Erfahrung, fachkundige Unterstützung aus dem Freundeskreis und vielleicht auch etwas an Verstand. Der Altersschnitt der Veranstalter von Raves liegt meistens deutlich höher, sicher im Bereich 25-30, viele davon auch in diesen Bereich ausgebildet.
- Die Herkunft der Veranstalter bohrt in offenen Wunden: ich habe viele Leute gehört, die meinten, die würden aus Zehlendorf und Prenzlauer Berg kommen. Tendenziell ein Herkunftsort von Oberschicht-Kids, die sich naturgemäß desöfteren weniger Sorgen um die Konsequenzen ihrer Taten machen. Das ist aber nur, und darum kursiv, eine Vermutung.
- Die Party wurde über Facebook beworben – eine unglaublich unsichere Angelegenheit. Statt über geschlossene Systeme, wie es bisher üblich war, einen gewissen Kreis von vertrauenswürdigen Leuten zu informieren, die dann ihrerseits ihren Freundeskreis informierten, war diesmal alles öffentlich einsehbar. Das nimmt einem als Veranstalter außerdem die Möglichkeit, die Zielgruppe zu beeinflussen, was bei zunehmender Größe wichtig ist – man will ja nicht ein Haufen volltrunkener sexistisch pöbelnder Prolls auf seinen Partys haben. Und jetzt, nachdem was schiefgegangen ist, gefährden die Veranstalter alle Personen mit dieser Vorgehensweise: es könnte zu Kontaktaufnahmen durch die Behörden kommen, die vielen Kids dort nicht gefallen dürfte. Sicherheitsrisiko hoch X also.
- Die Besucher gestern waren zum überwiegenden Teil die Berliner Schulbesucher, die vor ihrem letzten Ferienwochenende standen. Seit Kalkbrenner und dem Bekanntheitsboost der Bar 25 und des Berghains (Stichwort: Helene Hegemann) ist Raven total in. Das hat man 2009 ganz deutlich bemerkt und 2010 ist der Untergrund nun kompletter Mainstream. So traurig das ist, ich denke, man kann es als Fakt bezeichnen. Und mit diesem Mainstream kommen auch die Probleme, die man mit dem Mainstream immer hat: jugendliche Draufgänger, krasse Sprüher, sexistische Prolls, zugesoffene Idioten. Und zwar in einer Stückzahl, die dann zu solchen dummen Aktionen wie einem angezündeten Dachstuhl führt. [Jaja, wer weiß, vielleicht hat auch einfach einer seine Kippe weggeworfen – die Brandexperten werden sicher bald ein Ergebnis haben]. Szenegänger waren sensibel: sie wussten um die Illegalität der Veranstaltungen und um die Begrenztheit der Orte, an denen man ungestört feiern konnte. Jetzt im Mainstream ist das belanglos – die Sachen werden zu Tode “geravet”. Schon im letzten Jahr hatte man Probleme wie Wiesen, die sich nicht von den unzähligen Open-Airs erholen konnten (Görli) und Müllprobleme, die schlussendlich sogar alternative Lebensprojekte angekotzt haben (Schwarzer Kanal). Dieses Jahr startet der Sommer damit, dass tatsächlich ein beliebter, vielgenutzter Ort im wahrsten Sinne des Wortes verbrannt wird. Das ist auch Folge von Mainstream und jüngeren Partybesuchern, die einfach nicht das erforderliche Maß an Verantwortung zeigen, sei es aus Unreifheit oder aus Desinteresse.
Als Symptome sollte man diese Frage wirklich ernst nehmen. Und eventuell einige Forderungen aufstellen, um der Entwicklung wieder etwas entgegenzuwirken.
- Wichtigstes Element: Diskussionen in die Öffentlichkeit holen – nicht nur auf den typischen Szeneportalen diskutieren, sondern, wie ich es es mache, in Blogs oder Foren, die zugänglich sind. Das gibt auch Nicht-Szene-Beteiligten den Raum zum Input, evt. Leute, die mit solchen Sachen schon zu tun hatten, politischen Aktivisten etc. – außerdem schafft es auch für die Problematiken dringend nötige Öffentlichkeit, Presse und Meinungsführer bekommen einen weiteren Informationskanal, der vielleicht differenziertere Berichte etc. befördert. Denn ganz ehrlich: ich habe Angst vor dem jetzt kommenden Sturm und den behördlichen Maßnahmen nach diesem Brand, der ja auch durchaus Todesopfer hätte fordern können.
- Dann ganz konkret: Einen Gang runterfahren – liebe Alt-Aktivisten: verbrennt euer Equipment, eure Kohle und eure Lust an Partys nicht an überfüllten, überprollten Raves. Die Polizei wird strenger kontrollieren, die Strafen und Konsequenzen für Gesetzesübertretungen härter ausfallen. Das ist es nicht wert, wartet, bis die Situation sich, auch Gesamt, beruhigt hat.
- Schließt diese verdammten Facebookgruppen (z.B. diese hier!) – ihr gefährdet nur euch und andere. Argh!!!
- Räumt die Portale auf. Ihr wisst, was ich meine. Zuviele User, die Partys leaken, zuviele Kids, die sich nur ihre Ravedates abholen und sonst nichts zur Community beitragen. Einfach mal etwas entschlacken, dann kommt man auch über den Winter.
- Mal wieder nur Mund-zu-Mund-Propaganda versuchen. Ohne Internet und so. Darauf achten, wo was steht. Benachrichtigungen auf euren Partynamen bei Google Alerts setzen. Augen und Ohren auf und im Notfall spontan verlagern. Es müssen nicht immer 600 Leute sein.
- Systematisch Leute von Support und Kommunikation ausschließen, die illegale Raves kommerzialisieren. Das sind keine Brüder und Schwestern mehr, auch nicht im Geiste.
- Je nach Interesse mit politischen Akteuren vernetzen (Hedonisten, Antifa, Autonome etc.) – aktiv den Dialog suchen und Strategien überlegen.
- Und am allerwichtigsten: einfach mal wieder mit ner kleinen Anlage/Blaster oder Miniboxen an die Spree chillen und das Tanzbein ausruhen lassen. Und in Ruhe über alles mit Freunden nachdenken
Ich hoffe, das gibt einigen Stoff zur Diskussion und zum Nachdenken und ich bin gespannt, wie sich der Sommer entwickelt. Ich habe kein gutes Gefühl, hab heute schon irgendwo die Prophezeiung gelesen: irgendein dicker Knall stehe uns noch bevor und dann war’s das erst Mal. Jetzt heißt es: verantwortungsvolle Aktivisten müssen sich zusammenschließen und Gegenstrategien durchziehen, Freiräume sichern und alles lebendig halten. Das wäre jedenfalls mein Wunsch für 2010.
UPDATE: Also die Facebookgruppe scheint inzwischen zu zu sein, der Link leitet nur noch auf die Facebook Startseite weiter. Es scheint noch eine andere, sehr viel kleiner Gruppe zu geben, die den selben Namen trägt. Außerdem sei noch auf den Artikel zum Geschehen beim Tagesspiegel (inkl. Zitate von eigt. “konspirativen” Communitys) hingewiesen.
Da muss ich mal voll und ganz zustimmen! Und ohne jetzt da groß drum herum zureden: Genau das muss passieren, ansonsten is bald vorbei
“..die würden aus (…) Prenzlauer Berg kommen. Tendenziell ein Herkunftsort von Oberschicht-Kids..”
Schwachsinn in einem ansonsten vernünftigen Artikel
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oh mann ich möchte zurück ins jahr 2004-2006 wo alle aggro berlin gehört haben und techno feiern noch “uncool” war. das waren angenehme party zeiten
ein bischen weniger konsum (und ich meine nicht’s von drogen) und ein bischen mehr produktion könnte die szene brauchen.
” Systematisch Leute von Support und Kommunikation ausschließen, die illegale Raves kommerzialisieren. Das sind keine Brüder und Schwestern mehr, auch nicht im Geiste. ”
Meiner Meinung nach der wichtigste Punkt
–> http://www.facebook.com/?ref=logo#!/hellmann2000?ref=ts
als ich angefangen habe zu feiern, gab es reine e-mail-verteiler. und um da raufzukommen, brauchte man mindestens 2 paten/bürgen.
Wäre sympathisch, sowas wieder zu haben. Damit könnte man ggf. auch gewisse Portale umgehen, das z.Z. obligatorisch erscheint.
Der Artikel ist ja wohl ein Armutszeugnis. Dagegen ist noch die beliebte Argumentationslinie “Killerspiele für Amokläufe verantwortlicht” logische Höchstleistung.
Oder wie willst du mir erklären, dass eine Facebookseite (auf der genannte Party nicht einmal gepostet wurde – aber das ist ja wohl nebensächlich) für besagten Brand verantwortlich sein soll? Für mich sieht das wieder einmal typisch danach aus, dass ein Aufhänger gesucht wird um etwas zu verurteilen, was einen sowieso schon seit eh und jeh stört. (Da passen auch die ungemein qualifizierten Kommentare bzgl. Herkunftsort der Veranstalter u. natürlich auch die Seitenhiebe gegen den bösen bösen Kommerz rein). Ich habe ja so manche Open Air auf den verschiedenen Kontinenten der Erde gefeiert – aber dieses Geschwafel ist eher nach Kindergarten bzw. der leider typischen Berliner Undergroundsnobismus.
Locker bleiben Leute – eure coolen Open-Airs wo ihr mit den politischen Aktivisten (= Hedonisten? schon wieder was gelernt) feiert interessieren eh keine Sau…
*gähn*
hallo.
steckt zum teil wahrheit drinn.
aber was soll diese bemerkung zu “oberschichtkids” ?
das regt mich sehr auf.. jeder der ein “bruder imgeist ” ist, ist doch willkommen. scheiss auf die geldbeutel seiner eltern oder woher er oder sie kommt man. was soll das.
und dieses szenebashing ist mittlerweile die neue szene geworden .. es dreht sich alles im kreis das ist doch dämlich.
Die Brüder im Geiste waren auf kommerzielle Open-Air-Veranstalter bezogen.
ja ich weis ich beziehe es jetzt mal auf menschen die einfach lust haben frei zu sein, zu tanzen, spaß zu haben, grenzen überwinden..
das ist doch raven wie ich/wir und scheinbar der autor auch, es sich vorstellt..
Aber: diese Eigenschaften treffen auf kommerzielle Veranstalter in dem Sinne nicht zu. Da werden keine Grenzen überwunden, sondern geschaffen, da ist niemand frei, sondern muss seine Freiheit am Eingang abgeben. Das einzige was man tut, ist tanzen, und dafür soll man so hoch zahlen? Vor allem: auf einmal?
ich redete von der sozialen herkunft. und nur weil jemand aus zehlendorf kommt wird er nicht automatisch kommerziell denken genausowenig wie es der nicht tut der aus m wedding kommt.
Hat auch niemand behauptet. Es steht einzig und allein in der Analyse, dass Kids aus Zehlendorf tendenziell (nicht individuell!) weniger Verantwortungsbewusstsein im Umgang mit materiellen Werten haben werden. Wenn Mama & Papa für die Schäden aufkommen können bzw. sie gut versichert sind, dann ist das ein enormer Vorteil.
Du bringst meine Argumente durcheinander.
Hallo, wäre schön wenn sich die Nutzer der Location auch dafür einsetzten das sie erhalten bleibt!
Kein Abriss der Kühlhäuser – Abriss stoppen
www. berlin-eisfabrik.de
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Großartige Analyse!
Coole Scenekids sind verantwortlich für den Verlust großartiger “Straßenkunst” in diesem Gebäube. Allein was der unter dem Dach befindliche Raum an Graffiti zu bieten hatte, war großartig. Um so schlimmer finde ich es, wie sich die Partys verändern und welches beschissene Ziel sie verfolgen oder beginnen zu verfolgen: Geld.
Daher finde ich den Kommentar zu den “Oberschichtkids” recht passend, denn angesichts der Aufmachung dieser neuen Partys, die nichts mehr mit spontanen Besetzungen und Spaß zu tun haben, würde ich auch davon ausgehen, dass die Veranstalter auf Geld aus waren, was man auf eine dementsprechende Erziehung zurückführen könnte.
Aber was solls, im Osten gibt es ja über 1000 leerstehende Häuser…
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